nicht von hier irgendwo

UA: 12. April 2018, HochX, München

Gastspiele: 15. November 2018, Jüdisches Museum Frankfurt am Main

2. Juni 2018, Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Mit Alexandra Finder, Friedericke Miller, Johannes Suhm

Recherche, Text, Regie: Matthias Naumann, Johannes Wenzel

Video, Bühne, Licht: Rosa WerneckeBühne, Kostüme: Charlotte Pistorius

Recherche, wissenschaftliche Beratung: Lea Wohl von Haselberg

Produktionsleitung, Presse: Jule Sievert

Regieassistenz: Gina Krewer

Foto: Janna Athena Pinsker

Eine Produktion von Futur II Konjunktiv in Kooperation mit HochX – Theater und Live Art München sowie dem Fritz Bauer Institut.
Gefördert durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“.

Recherchestück

Es handelt sich um eine Zeit der Widersprüche und des Dazwischen, die ersten Jahre nach der Shoah, als sich viele der jüdischen Überlebenden ausgerechnet in Deutschland, zumeist in der amerikanischen Besatzungszone, wiederfanden. Erstmals nach Jahren wurde ihr Handeln nicht durch Verfolgung, Zwangsarbeit oder KZ bestimmt, sondern sie hatten die Möglichkeit, wieder selbst ihr Leben zu entwerfen. An diesem Nicht-Ort Deutschland und mittellos bis auf ihre Erfahrungen, Bildung und Kenntnisse lebten viele der jüdischen Displaced Persons nun wie Flüchtlinge. Sie waren vor den Deutschen gerettet, aber noch nicht in ein neues Leben entkommen. Ihre Lebenssituationen und die kontingenten, unvorhersehbaren und zufälligen Möglichkeiten, Begegnungen und Bedingungen, die diese bestimmten, stehen im Fokus unserer szenischen Auseinandersetzung mit diesem meist vergessenen Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte. Dabei nehmen wir vor allem die DP-Camps Föhrenwald bei München, Zeilsheim bei Frankfurt am Main und Schlachtensee in Berlin in den Blick.

Die Auswanderung in den neu zu gründenden Staat Israel, aber auch in die USA oder in andere Länder bestimmte Hoffnungen und Pläne, die sich häufig aus zufälligen Begegnungen einerseits und andererseits bürokratischen Bestimmungen erfüllten oder auch zerschlugen. Neue Beziehungen, schnelle Familiengründungen und neugeborene Kinder bestimmten das Leben ebenso wie der Verlust zahlreicher ermordeter Angehöriger und die vergebliche Suche nach ihnen, das Trauma der Verfolgung und aus dem KZ mitgebrachte Krankheiten. Der Alltag war geprägt durch die Suche nach einem ‚Loch im Zaun’. Strukturen des Aufschubs und des Wartens wurden bestimmend, während das Leben irgendwie weiterlief und Verbindungen, Entscheidungen, Verpflichtungen schuf zwischen Bürokratie und Hoffnung: Gemeinschaften im Aufschub. All dies spiegelt sich in den Erinnerungen von Überlebenden der Shoah, die aus den KZs kamen, sowie denen der großen Gruppe osteuropäischer Jüdinnen und Juden, die rechtzeitig in die Sowjetunion fliehen konnten und dort überlebt hatten. Für alle führte der Weg in ein neues Leben absurderweise über Deutschland. Hier entstand in den Displaced Persons Camps noch einmal für einen kurzen Moment eine ostjüdische Kultur, welche von Deutschen in den Jahren zuvor zerstört worden war. Gedichte und Erzählungen der jiddischen Literatur aus den DP-Camps bilden neben den in verschiedenen Archiven schriftlich und videografisch aufgezeichneten Erinnerungen von Displaced Persons eine weitere Materialgrundlage der Aufführung.

In den DP-Camps wurden zahlreiche Kinder geboren, die dort aufwuchsen, insbesondere in Föhrenwald bei München, das als letztes DP-Camp erst 1957 geschlossen wurde. Diese Menschen blieben in Deutschland, und mit einigen von ihnen haben wir gesprochen, über ihre Kindheit, ihre eigenen Erinnerungen und die ihrer Eltern an die DP-Camps und die Bedeutung dieser Erinnerungen für die Gegenwart. Aus den aufgezeichneten und den neu erzählten Erinnerungen, aus jiddischen Texten sowie Bildern und Videoaufnahmen entsteht das bruchstückhafte Mosaik von Lebenssituationen des Dazwischen.

 

Rezension der Süddeutschen Zeitung: Geschichte – ein Spiel von Eva-Elisabeth Fischer, 15.04.2018

 

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