nicht von hier irgendwo

Es handelt sich um eine Zeit der Widersprüche und des Dazwischen, die ersten Jahre nach der Shoah, als sich viele der jüdischen Überlebenden ausgerechnet in Deutschland, zumeist in den westlichen Besatzungszonen, wiederfanden. Erstmals nach Jahren wurde ihr Handeln nicht durch Verfolgung, Zwangsarbeit oder KZ bestimmt, sondern sie hatten die Möglichkeit, wieder selbst ihr Leben zu entwerfen. An diesem Nicht-Ort Deutschland und mittellos bis auf ihre Erfahrungen, Bildung und Kenntnisse lebten viele der Überlebenden nun wie Flüchtlinge. Sie waren vor den Deutschen gerettet, aber noch nicht in ein neues Leben entkommen. Zwar ermöglichten die DP-Camps den Überlebenden, unter sich und getrennt von der deutschen Bevölkerung zu leben, dennoch gab es immer wieder auch Kontakte im Alltag. Einige der DPs verließen auch bald oder später die Camps und ließen sich in deutschen Städten wie Frankfurt, München, Hamburg oder Berlin nieder, lebten dort manchmal noch für viele Jahre ‚auf gepackten Koffern‘, manche blieben schließlich. Die meisten wollten jedoch nur weg, fort aus diesem Land. Ihr Leben in den Zwischen-Orten der DP-Camps (z.B. Föhrenwald bei München oder Zeilsheim bei Frankfurt) oder in den zerstörten Städten war eins des Übergangs: in temporären, oft durch osteuropäisch-jüdische Traditionen und Jiddisch geprägten Gemeinschaften gleichermaßen Überlebender. Eine Einreise in ein anderes Land war oft entweder gar nicht oder nur auf illegalen Wegen möglich. Der Alltag war geprägt durch die Suche nach einem ‚Loch im Zaun‘. Strukturen des Aufschubs und des Wartens wurden bestimmend, während das Leben irgendwie weiterlief und Verbindungen, Entscheidungen, Verpflichtungen schuf zwischen Bürokratie und Hoffnung: Gemeinschaften im Aufschub. Immer wieder bestimmten letztlich die realen Möglichkeiten – in das eine Land gehen zu können und in das andere nicht – die Fluchtbewegungen vielmehr als individuelle Wünsche oder konkrete Vorstellungen. Diesen Berichten und Dokumenten verschiedener Erfahrungen wollen wir eine vielstimmige, mosaikhafte theatrale Form geben.

nicht von hier irgendwo wird das Leben und die Erfahrungen der Displaced Persons (DPs) während der Zeit der DP-Camps (1945–1957) untersuchen und aus ihren Überlieferungen ein performatives und videokünstlerisches Mosaik aus Stimmen und kurzen Erzählungen herstellen. Bisher wurde diesen Erfahrungen in der historischen Forschung wie auch den Künsten im deutschsprachigen Raum wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Doch an den Geschichten der DPs zeigt sich die historisch bedeutsame Situation der unmittelbaren Nachkriegszeit. In ihnen spiegelt sich die Erfahrung des Überlebens   nach der Shoah und die Situation der Staatenlosigkeit. Insofern stellen sie auch auf besondere Weise einen Bezugspunkt zu unserer von globalen Fluchtbewegungen geprägten Gegenwart dar.

 

Premiere: April 2018, Theater HochX, München

 

Konzept, Entwicklung & Recherche: Matthias Naumann, Johannes Wenzel, Lea Wohl von Haselberg

Text: Matthias Naumann

Regie: Johannes Wenzel

Video, Licht, Raum: Rosa Wernecke

Kostüme, Raum: Charlotte Pistorius

Mit: Johannes Suhm, Dela Dabulamanzi, N.N.